MACHSNA (Münsterbau II)
Trotz magerer Zeiten mit Krieg und Not, wirkten noch immer Steinhauer und Handwerker an der Berner Grossbaustelle, dem Vinzenzen-Münster.
Um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts hatte Bern sich beim “Alten Zürichkrieg” stark verausgabt und doch konnte die Münsterbauhütte, dank Stiftungen begüterter Geschlechter weiterarbeiten.
Unter den Werkmeistern STEFAN HURDER und NIKLAUS BIRENVOGT wurden Seitenkapellen gebaut und eingewölbt. Das erste Behelfsdach wurde um 1474 errichtet und ERHART KÜNG als Werkmeister eingesetzt. Als Baumeister darf man ihn nicht zu hoch einschätzen, das Treppentürmchen im Chor, die Schultheissenpforte und die angrenzenden Strebepfeiler sind sein Werk. Sein eigentlich wichtigstes Werk ist aber an der Westseite zu finden: Die Mittelpforte mit dem Jüngsten Gericht.

Das Jüngste Gericht über der Hauptpforte
Mit einiger Mühe hatte man den neuen Turm ins erste Viereck hochgezogen und 1493 wurden die Glocken von der alten Leutkirche umgehängt. Nachdem der alte Turm abgebrochen war, konnte dort das nördliche Seitenschiff mit der abschliessenden Bubenbergkapelle vollendet werden. Mit einigem Stolz hat Küng deswegen auch am ersten nördlichen Strebepfeiler am Chor die Inschrift “machsna” anbringen lassen. Der nächste Pfeiler daneben heisst Baumeisterpfeiler, weil darauf eine lebensgrosse Statue errichtet ist, die angeblich Erhart Küng darstellt.


Zurzeit werden Bauarbeiten an den beiden Pfeilern durchgeführt. Mehrmals schon wurden dort Bauteile ersetzt, heute versucht man die schadhaften Stellen möglichst nicht zu restaurieren, sondern nur zu konservieren um die Substanz der Nachwelt unverfälscht zu erhalten.
Die Arbeit am Turm aber geriet ins Stocken, denn es zeigten sich Senkungsrisse bei den anschliessenden Bögen. Küngs Arbeit musste von auswärtigen Experten begutachtet werden und ein Weiterbau nur mit Auflagen zu Verstärkungsmassnahmen empfohlen.
Die wichtigsten Ergebnisse der Expertise lauten: «und geviel ime die pfiler in der kilchen zü erfaren vor dem und die kilch gewelbd, dann sust, so wurd es die gewelb zerissen … es sye ein witt thurn stuk und anvangs nit zum besten angelegt, und hab sich der thurn gesetzt … bedücht in etlich pfiler uß dem grund uffzüfüren … geviele ime meister ERHATS meynüng mit dem underfaren … » Es sollten die Grundmauern verstärkt werden, dass die Gewölbe nicht abreissen und Ankerstäbe eingezogen werden, überall eiserne Ringanker angelegt werden. Ein teilweiser Abbruch der falsch angelegten Pfeiler wurde neben weiteren Massnahmen empfohlen, so dass 1507 unter Meister PETER PFISTER weitergebaut werden konnte. Mit vierzig Gesellen zog dieser das obere Viereck nach Weisung des BURKHART ENGELBERG bis zur dritten Galerie hoch. Darin konnten die Glocken aufgehängt werden und da hängen sie noch heute. Das folgende Achteck wurde noch unter seiner Leitung begonnen und 1521 von PETER KLEINMANN abgeschlossen und mit Eisenblech abgedeckt. So blieb der Turm in unvollendetem Zustand bis ins 19. Jahrhundert bestehen.

Deutlich sichtbar sind die Risse an der Wand
In den zehn Jahren Bauunterbruch am Turm wurden wohl die Empfehlungen der Fachleute umgesetzt und vor allem das Hochschiff errichtet. Meister Pfister aber erhielt nach dem Tod Altmeister Erharts eine weitaus ehrenvollere Aufgabe. Er sollte den Chorraum überwölben, eine würdige Decke einziehen, den “Himmlischen Hof” errichten. Ein Kreuzrippengewölbe mit 86 fast lebensgrossen Halbfiguren als Schlusssteinen. In hierarchischer Anordnung, beginnend mit Gottes Geist am östlichsten Punkt und Gottvater und Sohn daneben, mit der Heiligen Familie den Propheten und allen Heiligen, soweit sie den Stiftern wichtig schienen. Pfister muss die Hilfe von bis acht weiteren Steinbildhauern gehabt haben, sonst wäre die Menge nicht zu schaffen gewesen. An den nach Schablonen zu hauenden Rippenelementen hatten noch einige tüchtige Steinmetze zu tun und nach nur zweijähriger Bauzeit überliessen die Steinhauer den Malern die Steinheiligen zur farbigen Fassung.

Ein Ausschnitt des “Himmlischen Hofs” über dem Südfenster
Als hätten sie es geahnt, hatten die Meister am “Vorabend” des Bildersturms noch schnell die Altgläubigen Heiligen in unerreichbarer Höhe geschaffen. Unten, in Reichweite der Fanatiker, hätten sie nicht standgehalten, aber lassen wir das.
Für die fünf hohen Glasfenster im Chor hatte der Meister Hans von Ulm im Auftrag, sie sollten in der Aussage und im Aussehen die der Habsburger Königsfelden Kirche möglichst übertreffen. Es gelang nur halbwegs, das Geld ging aus und erst zehn Jahre später konnten weitere Fenster durch Basler und Bieler Meisterwerkstätten verglast werden. Die Glasmalerei des Hostienmühlefensters, der zehntausend Ritter und des Passionsfensters sind heute ein Kulturgut von hohem Rang.
Das heute noch gut erhaltene Chorgestühl in Renaissance Formen wurde nach Entwürfen von Niklaus Manuel durch den Schreinermeister Jakob Reuss aus Schaffhausen in den Jahren 1523/24 gefertigt.
Die Reformation brachte ein Umdenken über weitere Bauvorhaben. nachdem alle Altäre und Bildwerke entfernt waren und auch die erst wenige Jahre vorher installierte Schwalbennestorgel herausgerissen war, sie war ja nach Zwinglis Worten “des Teufels Dudelsack“, wurde das nun profanere Gebäude als Versammlungs- und Predigtraum verwendet.
1573, Fünfzig Jahre später, konnte DANIEL HEINTZ das Gewölbe im Mittelschiff bauen. Die Schlusssteine des Kreuzrippengewölbes aber waren diesmal in kunstvoller Weise mit Wappen von wichtigen Berner Amtspersonen, den “Gnädigen Herren”, gestaltet. Damit wäre eigentlich das Bauwerk gebrauchsfertig gewesen, es fehlte nur die Turmspitze.

Die Ansicht des Turms vor der Vollendung nach einer alten Darstellung
Nach den damaligen Kenntnissen war aber die Stabilität wegen des nicht tragfähigen Baugrunds nicht gegeben, man liess es beim provisorischen Turmstumpf bewenden. So blieb für dreihundert Jahre die Gestalt und Ausstattung des Münsters gleich.
Keine dreihundert Jahre später, aber bald, folgt hier der dritte Teil der Münstergeschichte mit dem Bau der Turmspitze auf hundert Meter.
Bilder: Erwin Weigand, Turmstumpf gemeinfrei aus Buch kopiert
Nachtrag
Im Schaufenster ist nicht so viel Platz um alle Details klar zu beschreiben, deshalb will ich versuchen an dieser Stelle noch darauf einzugehen.
Im Thema “Und sie bauten ein Münster” habe ich eine Kabinettscheibe aus dem Kloster Wettingen mit dem Hl. Vinzenz als Ritter eingesetzt. Das ist eine aussergewöhnliche Darstellung, denn der Heilige war Diakon und Märtyrer und niemals Soldat. Er wird normalerweise im Priestergewand mit einer Palme in der Hand gezeigt. 1579, lange nach der Reformation, hat der Stand Bern diese Scheibe gestiftet. Darauf zwei Heilige, schon das ist merkwürdig, es ist eine Reminiszenz an das Kloster, ein Goodwill-Akt. Aber der Vinzenz als Ritter ist damit noch nicht erklärt. Dazu muss auf die hundert Jahre vorher gewonnene Schlacht bei Laupen zurückgedacht werden. Die Berner zogen damals unter Beistand des Stadtpatrons Vinzenz und den ebenso verehrten “Hl. Zehntausend Rittern” in die Schlacht und waren siegreich. Zu der Gegenpartei gehörten unter andern die Habsburger, da zeigt sich der Bezug zum Aargau, und weil der Vinzenz hilfreicher Mitstreiter der Eidgenossen und Berner war, auch zum Rittergewand.
Beim Thema “ Machs na ” ist der bühmte Werkmeister Erhart Küng von mir etwas ungnädig behandelt worden. Ich schrieb:
Als Baumeister darf man ihn nicht zu hoch einschätzen
Dazu noch Folgendes: Die abwertende Einschätzung Küngs als Baumeister betrifft seine Arbeit am Turm und die Vollendung des nördlichen Seitenschiffs. Sein Bau am Turm musste später teilweise zurück gebaut werden weil zu schwer für den Unterbau. Die plastischen Arbeiten aber, wie das Rippengewölbe über Teilen der Seitenschiffe und der Vorhallen, dem Treppentürmchen im Chor, der Schultheissenpforte und nicht zuletzt dem Jüngsten Gericht, beweisen seine überragenden Fähigkeiten als Bildhauer.
Bald wird über die Vollendung des Turmbaus zu lesen sein, natürlich wieder im Schaufenster. 22.Mai 2017 ew