Botanik im Bundeshaus
Die blumigen Ständeratssitze im Nationalratssaal
Im Sommer letzten Jahres ist mir beim Besuch der St. Michaelskirche in Meiringen neben den Ausgrabungen und den alten Fresken die modernere Wandverkleidung mit den geschnitzten Alpenblumen aufgefallen.

Das Chorgestühl mit dem geschnitzten Täfer aus dem Jahr 1907 wurde von der damaligen Schnitzerschule in Meiringen nach Vorlagen des Berner Kunstmalers Rudolf Münger angefertigt und montiert. Münger war vermutlich inspiriert worden von den kurz vorher entstandenen Ständeratsitzen im Bundeshaus.

Bild: Alexey M., CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Im Nationalratssaal des Bundeshauses in Bern sind ähnlich des Chorgestühls in alten Kirchen, die Sitze der Standesvertreter im Pseudo-Renaissancestil gestaltet. Da sieht man grosse Ähnlichkeit zu denen in Meiringen. Diese Ausstattung mit den Füllungen, ist um 1900 nach dem Entwurf von Ferdinand Huttenlocher in Flachschnitzerei gearbeitet worden.
Der Deutsche Ferdinand Gottlieb Huttenlocher, ein freischaffender Bildhauer, zog 1886 in die Schweiz, wo Mangel an Fachlehrern in Kunstgewerbeschulen herrschte. Während einem Jahr unterrichtete er an der Kantonalen Schnitzlerschule in Brienz (heute Schule für Holzbildhauerei SfHB) und ab 1900 an der kunstgewerblichen Klasse an der Handwerker- und Kunstgewerbeschule in Bern.
Als es um die repräsentative Ausstattung des Nationalratsaales ging, betraute der Architekt Wilhelm Auer den bereits durch seine Arbeiten bekannt gewordenen Ferdinand Huttenlocher mit der Gestaltung der Ständeratssitze.
Die Rückwand-Füllungen der Ständeratssitze mit den botanischen Motiven entstanden während sieben Jahren zwischen 1894 und 1901. Bei seiner Lehrtätigkeit am Technikum in Biel unterrichtete Huttenlocher die zwei talentierten und hoch motivierten Halbgeschwister Anna Haller und Otto Weber aus Biel. Er band beide in sein Projekt ein, indem er den jungen Otto Weber die Flachschnitzereien ausführen liess und der Anna Haller die Lederarbeiten übertrug. Huttenlocher, der selbst primär der Entwerfer war, schreibt dazu: «Um die technische Ausführung hat sich mein früherer Schüler und jugendlicher Mitarbeiter Herr Otto Weber ganz besonders bemüht und ich muss ihm hiefür meine grösste Anerkennung zollen.» Otto Weber scheint ein beeindruckendes Talent gehabt zu haben, das ihm auch heutige Holzbildhauerei Experten attestieren.
Über Otto Weber (1880–1912), dem Bildhauer, Bildschnitzer und Fotograf ist weiter nichts erfahrbar.
Von Rosemarie Honegger ist im Neujahrsblatt der Naturforschenden Gesellschaft Zürich ein reich bebilderter Aufsatz mit vielen Details erschienen. Der Link dazu ist unten bei den Quellen angefügt.
Die Flachschnitzereien stellen Pflanzen und Blumen zu den jeweiligen Kantonen dar, wie sie nach Huttenlochers Vorstellung dort regional typisch seien. Zur Herstellung der Flachschnitzereien schreibt Huttenlocher: «Um eine möglichst deutliche Fernwirkung zu erzielen, wurde deshalb zur Verwendung zweifarbigen Holzes gegriffen und das Füllornament in naturfarbigem Eichengewächse auf Mahagonigrund ausgeführt.»
Für die Lederbezüge der Sitze war die Künstlerin Anna Haller zuständig. Sie war wegen einer Krankheit im Kindesalter körperlich behindert, konnte aber trotzdem eine erfolgreiche Künstlerin sein. Für das Bundeshaus fertigte sie die bildhaften Lederschnitte nach der seit vielen Jahrhunderten angewandten Methode, wie sie für Buchdeckel oder Wandtapeten gebräuchlich war an. Ihre Motive stellten ebenfalls Pflanzen dar, jedoch im Gegensatz zu den Holzschnitzereien der Rückwanddekoration wurden sie ausschliesslich im damals noch neuen Jugendstil gestaltet.

Bild: Hadi, CC0, via Wikimedia Commons
Leider sieht man heute den Bezügen ihre Benutzung von über hundert Jahren an, aber immerhin sind es noch die Originale. Es sind «Kunstwerke am Bau» im damaligen Zeitgeschmack.


Im Schloss Schadau in Thun sind in einem Raum die Täferfüllungen mit Ledertapeten nach der damals als besonders wertvoll geltenden Mode, in der gleichen Machart gestaltet.
Quellen:
- Rosemarie Honegger: Neujahrsblatt der Naturforschenden Gesellschaft Zürich:
https://ngzh.ch/wp-content/uploads/2024/09/Neujahrsblatt_NGZH_2018.pdf - Ferdinand Huttenlocher: https://de.wikipedia.org/wiki/Ferdinand_Huttenlocher
- Anna Haller: https://de.wikipedia.org/wiki/Anna_Haller
- Lederschnitt: https://de.wikipedia.org/wiki/Lederschnitt