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Adventsfenster

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Die Müngerfenster in der Wohlener Kirche

 

Zum BäreHöck Jahresessen waren wir kürzlich im Restaurant Kreuz in Wohlen zu Gast. Die dortige Pfarrerin Ulrike Münger hat über ihr Dorf mit einer Betrachtung der Kirchenfenster von ihrem Namensvetter, dem Maler Rudolf Münger geschrieben. Weitere Spuren von Rudolf Münger sind in Bern, etwa mit der Wandbemalung im Kornhauskeller, oder im Ständeratssaal zu finden. Die erwähnten Illustrationen vom Bau der Wohlensee-Staumauer im Büchlein von Rudolf von Tavel sind teilweise im Artikel vom 100-jährigen Wohlensee eingebunden.

Neben den historischen Punkten sind die Schilderungen der Pfarrerin über die Landschaft und das Leben der Dorfbewohner einfühlsam und lesenswert.

Ein einzigartiges Objekt in der Wohlener Kirche ist auch die Chororgel. Sie war einst die Hausorgel der von Fischer im Schloss Reichenbach, bevor sie in andere Hände kam. Im Orgelverzeichnis von Peter Hasler wird ihre Geschichte so beschrieben:

1694 oder je nach Quelle 1695 bzw. 1697 baut der Drechsler und Degenmacher Jakob Messmer, Rheineck SG, die Orgel für den Festsaal im Schloss Reichenbach bei Zollikofen BE.
1768 Die Instrumentenbauer Christen Streit und Josef Hauert, Bern, bauen die Orgel um und versetzen sie in ein Bauernhaus in Grafenried BE.
1860 Statthalter Samuel Rolli, Borisried BE, kauft das Instrument als Hausorgel und lässt es erneut umbauen.
1944 Orgelbauer Willy Bütikofer, Münsingen, kauft die Orgel. Sie wird in einem Schulhausestrich in Münsingen eingelagert.
1992 Die Kirchgemeinde Wohlen kauft das nur teilweise erhaltene Instrument als Chororgel zu einem symbolischen Preis und lässt die fehlenden Teile durch Arno Caluori, Says GR, rekonstruieren. Dies betrifft vor allem einen Grossteil des Pfeifenwerks und die Spielmechanik. Für die Winderzeugung errichtet der Orgelbauer in der nahen Turmkammer eine dreifache Keilbalganlage, die manuell oder elektromechanisch betätigt werden kann (kein Schleudergebläse).
2013 Generalrevision mit klanglichen und technischen Verbesserungen durch Orgelbauer Arno Caluori, Seewis GR.
Wenn darauf eine Organistin wie Annerös Hulliger spielt, wird das zu einem musikalischen Highlight.

Vor kurzem war mir ein Blick von oben auf die Grosse Orgel im Berner Münster möglich, eine einmalige Gelegenheit.

Die ersten Orgeln gab es im Münster bereits bald nach dem Bau der Leutkirche. Mit den neuen Regeln der Reformation wurde nach der Berner Disputation 1528 neben den Altären und Heiligenbilder auch die Orgeln entfernt. Der Zürcher Reformator Zwingli bezeichnete die Orgeln als "Teufels Dudelsack", welche die Zuhörer einschläferten. Der Genfer Calvin war nicht so streng, er erlaubte den Gesang. Martin Luther hingegen dachte anders, von ihm stammt dieser Vers:

Wer sich die Musik erkiest,

hat ein himmlisch Werk gewonnen;

denn ihr erster Ursprung ist

von dem Himmel selbst genommen,

weil die lieben Engelein

selber Musikanten sein.

1729 wurde das Berner Münster wieder mit einer Orgel ausgestattet. Nachdem bei den vorbereitenden Arbeiten der Orgelmacher H. Silbermann beigezogen worden war, erbaute Gottlieb Leuw aus Bremgarten AG diese «Grosse Orgel».

Der Orgelprospekt mit seinen Verzierungen wurde 1730 von den Brüdern Michael und Johann Jakob Langhans gestaltet, Johann Agust Nahl fügte 1750 weiter Zierwerk hinzu.

Annerös Hulliger spielt: J.S.Bach Fantasie und Fuge g-Moll BWV 542

Bekanntlich ist zurzeit das Mittelschiffgewölbe des Berner Münsters eingerüstet. Seit 2021 sind spezialisierte Fachkräfte dabei, die Decke von jahrhundertealtem Dreck zu säubern und nötige Restaurierungsarbeiten zu unternehmen.

Das Gewölbe wurde in den Jahre 1572/73 unter dem Werkmeister Daniel Heintz in nur einjähriger Bauzeit fertiggestellt, etwa 100 Jahre nach dem Bau der Wände, auf denen es lastet. Davor hatte Matthäus Ensinger wohl eine einfachere Bauart des Gewölbes geplant, aber aus verschiedenen Gründen wurde dann nur eine flache Holzdecke eingezogen. Vierzig Jahre nach der Reformation fanden aber die Berner diese Decke als unpassend für ihr stolzes Münster und so gaben sie das noch nach der alten gotischen Mode konstruierte Gewölbe in Auftrag. Die kurze Bauzeit war wohl der Grund, dass für die Wandmalerei und die Fassung der Geschlechterwappen der Schlusssteine minderwertige Farben verwendet wurden, was bei der jetzigen Restaurierung schwierige Probleme bot.

Hier sieht man an einem als Referenz im vorherigen Zustand belassenem Streifen die Verschmutzung und die gereinigten Wände und Sandsteinrippen und Mauern. Mit Wasser und Hochdruck putzen wäre schneller gegangen, doch dann gäbe es die schwarzen Ornamente nicht mehr. Die sind nämlich mit Leimfarbe aufgemalt und deshalb sehr "wasserscheu". Die Restauratorinnen mussten mit weichen Pinseln, schmalen Trockenschwämmchen und zuletzt mit Wattestäbchen die ganzen Oberflächen reinigen. Dabei wurden höchstens kleine Retuschen mit leichtlöslicher Kreidefarbe gemacht, man will, entgegen früherer Meinung, den Istzustand nicht verbessern, sondern nur erhalten. Das ist auch beim Mauerwerk gleich, konservieren und nicht gleich erneuern.

Die Felder und Spickel zwischen den Kreuzrippen sind mit Ornamenten nach Schablonenentwürfen verziert. Das im Gegensatz zur Deckenmalerei im Chorgewölbe, dem "Himmlischen Hof", die von Niklaus Manuel und seiner Werkstatt frei Hand gemalt wurden.

Soviel für heute, morgen mehr.

Besondere Aufmerksamkeit war für die Restaurierung der Wappen auf den Schlusssteinen im Scheitel des Gewölbes nötig. Angeblich wurde damals bei der Kostenberechnung die farbliche Fassung der Wappen vergessen, anstatt Blattgold verwendete man dünn vergoldetes Zinkblech und dünne Silberfolie als Beschichtung. Diese teilweise abblätternde Belagschichten wurden jetzt mit selbst gefertigten Pinseln aus Eichhörnchenhaar vom Staub gereinigt und mit Fischkleister wieder angeklebt. Das schwarz angelaufene Silber muss so bleiben und auch die grünen und blauen Farben müssen im jetzigen braunen Zustand bleiben, nachfolgende Generationen haben möglicherweise neue Behandlungsmethoden.

Vor der Chorwand

 

Ein spezieller Blickwinkel

Ganz nah beim Chor das Wappen von Schultheiss Hans Franz Nägeli, dem Herrn von Münsingen und Bremgarten, dem Eroberer der Waadt.

Für heute genug.

Schöne Idee Erwin, dein Adventsfenster. Danke vielmal.

Die Kirche von Wohlen kenne ich. Annerös Hulliger hat bei uns in Frick auch schon die Orgel gespielt.

Vom heutigen Besuch im Berner Münster mit Führung zum Thema "Engel" füge ich auch noch eine sehr spezielle Perspektive bei: das leere Münster mit Sonnenschein bis zur Orgel.

Eine gelungene Aufnahme vom Münsterschiff zeigst du uns liebe Blumenfrau. Ich darf nach Absprache einen Bildausschnitt zur Illustration verwenden.

Wir sehen hier das Tragewerk des Gerüsts unter dem Mittelschiffgewölbe. Es ist mit seiner Plattform, den Trägerbalken, seinen Stützen und gebogenen Streben auf dem Gesims der Triforien und an vorhandenen Löchern der hinteren Seitenwände abgestellt. Der Seitenschub wird unten mit Spannseilen abgefangen. Dazu gab es keine Eingriffe am historischen Gebäude, man habe aus Respekt: «das Gerüst dem Münster und nicht das Münster dem Gerüst angepasst».

Für die leichtwirkende Konstruktion hat man sich als Vorbild das Münstergewölbe selbst genommen. Dort war allerdings keine Querverspannung nötig, denn von den Schlusssteinen wird die Last mit den Kreuzrippen gebündelt auf die Kämpfer abgeleitet und von da mit den Diensten an den Pfeilern ins Fundament. Den Seitenschub fangen die Gewölbe der Seitenschiffe und Strebebögen zwischen den Obergadenfenstern darüber ab.

Strebebögen und Fialen über dem südlichen Seitenschiff

Die sonderbaren Türmchen auf den Seitenpfeilern, Fialen genannt, dienen dabei mit ihrem Gewicht zur Stabilisierung. Das Münster steckt voller geheimnisvoller Details mit speziellen Bezeichnungen, man kann ein Leben lang davon lernen.

Unser Berner Münster steht in der Tradition der mittelalterlichen Baukunst, die heute aktuell in Paris mit der Wiedereröffnung der restaurierten Kathedrale Notre Dame gefeiert wird.

Notre-Dame de Paris auf einem Foto von 1851 noch ohne den jetzt rekonstruierten Vierungsturm. Gut sichtbar ist das Strebewerk, wie es auch in Bern nötig war. Gemeinfreies Foto von Edouard Baldus, über Wikimedia Commons.

 

Spruch: Gib o herr ...vom himel, das under diesem gwölb-himel din Wort glert ghörde werde, rein und klar / ward gemacht im 1573 Jahr

Mitten in der Reihe der wappenverzierten Schlusssteine ist ein Sprengring, dessen Deckel mit dem Berner Bären darauf bei Bedarf weggetan wird. Jetzt ist dort noch der Flaschenzug für Montagearbeiten festgemacht. Darüber, auf dem doppelschaligen Gewölbe, steht noch seit der Bauzeit ein Tretrad.

Die mittelalterliche Baumaschine schlechthin war die Tretmühle. Ein noch funktionsfähiges Exemplar lagert im Estrich des Münsters. Wie ein Hamster im Rad konnte damit ein Hilfsarbeiter mühelos Lasten von einer halben Tonne heben. Für 20 Meter Höhe marschierte er einen halben Kilometer im Rad.

Links das Tretrad vom Berner Münster, rechts, wie es der „gstudierte“ Architekt und Buchautor David Macaulay in „Sie bauten eine Kathedrale“ gezeichnet hat - so würde es nicht funktionieren. Das Zugseil wird nämlich aussen an der grossen Trommel, anstatt auf der dünneren Welle aufgespult, was dem physikalischen Hebelgesetz widerspricht. Diesen Widerspruch finden wir sogar bei Peter Bruegels Bild vom Turmbau zu Babel:

Der obere, dunkle Tretkran hätte funktioniert, hingegen die untere Tretmühle nicht. Da läuft das Zugseil mit der angehängten Last aussen über die Trommel. Bekanntlich stürzte das Bauwerk wegen des Hochmuts der Leute ein, vielleicht aber auch weil sie derartige Konstruktionsfehler machten.

Auf mittelalterlichen Baustellen galten die Windenknechte (bis ins 18. Jahrhundert waren Tretradantriebe stark verbreitet) als hoch- bis höchstbezahlte Arbeitskräfte. Die Tätigkeit war mühsam, extrem anstrengend und in Hebevorrichtungen auch gefährlich. Das Halten der Lasten war schwierig, weil die Laufräder nicht gesichert werden konnten, um die Last während des Drehvorganges auf Höhe zu halten. So wird das hier auf Wikipedia beschrieben.

Für die Arbeit im Tretrad wurden in englischen Kolonien Sträflinge eingesetzt. Vor die Wahl gestellt, zogen sie die Todesstrafe am Galgen der Tortur im Tretrad vor.

Für uns ist sprichwörtliche Tretmühle gleichbedeutend mit einer anstrengenden, gleichförmigen Tätigkeit. Aber so lange wir noch Freude am Leben haben, soll uns der Alltagstrott nicht lästig sein.

Graffitis

Die Wiedereröffnung der Kathedrale war Anlass für die Ausstrahlung des Films „Der Glöckner von Notre-Dame“ auf Arte. Gleich am Anfang erzählt die Stimme aus dem Off von einer geheimnisvollen Schrift an einer Turmmauer, welche der Autor der Geschichte, Viktor Hugo, dort entdeckt habe.

Im Lauf der Geschichte erklärt sich das Wort in griechischer Schrift als der Ausdruck von Verzweiflung eines Hauptschuldigen, was wir hier nicht weiterverfolgen wollen.

In unserem Berner Münster sind ebenfalls Inschriften, Zeichen und Graffitis zu finden, von denen ich hier berichten will.

Unter dem nun wieder sauberen Gewölbehimmel liess der Werkmeister Daniel Heintz diese Schrift mit seinem Meisterzeichen und den Anfangsbuchstaben seines Namens anbringen. Er durfte stolz auf sein Werk sein, denn nur nach einem Jahr war die Bauzeit am 20. Juli 1573 abgeschlossen. Jetzt kann nach Beendigung der Restaurationsarbeiten nach vier Jahren endlich das Gerüst entfernt werden. Im Januar 2025 werden wir das gereinigte Gewölbe wieder von unten bestaunen können.

Bei Bau- und Renovationsarbeiten in länger vergangenen Jahren haben sich ebenfalls Handwerker mit ihrem Namen oder Zeichen oben in den Fensternischen verewigt.

Hier eines der vielen Steinmetzzeichen am Münster, die eigentlich nur als Beweis zur Entlöhnung der Arbeit angebracht waren.

Später haben hier einzelne Zimmermänner ihre Anwesenheit mit Inschriften bezeugt. Man lässt sie so stehen, auch das seien erhaltenswerte Zeitdokumente. Von unten in den Kirchenbänken wird niemand sie sehen und entziffern können.

Anders als die da:

Aus hundert Metern Entfernung muss man bereits zur Kenntnis nehmen, dass hier sich irgendwer an den Wänden der Wyssloch-Scheuer verewigt hat.

Damit verlassen wir das Berner Münster und schauen mal wie es weiter geht.

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