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Mister Lao Ban
Zitat von aloisius am 7. August 2024, 10:21 UhrDie Werkzeugmaschinenfabrik, wo ich länger beschäftigt war, hatte schon früh gute Beziehungen zur Volksrepublik China. Das führte auch dazu, dass mit der Zeit immer mehr Delegationen aus diesem Land im Rahmen eines Schweiz-Besuches zu einer Werk- Besichtigung eintrafen. Unser Mittelsmann in Hongkong hat dies auch immer gefördert.
Mein Chef wollte diese Gruppen nicht immer selber betreuen und hat diese Aufgabe oft mir übertragen. Natürlich musste ich einige Sachen im Umgang mit diesen Besuchern lernen, waren und sind doch viele Sitten und Gebräuche in China ganz anders als hier. Zunächst einmal darf ich einem Besucher aus Fernost nie Fondue anbieten. Viele Menschen von dort haben keine Enzyme, um Käse zu verdauen, und das würde zu starkem Unwohlsein führen. Ein zusätzliches Handicap war – wie sich bald herausstellte – dass mein Familienname „Wirth“ von den Gästen oft nicht ausgesprochen werden konnte, weder in deutsch noch in der englischen Form. So wurde mir dann erklärt, dass der Beruf, der meinem Namen zugrunde liegt, bzw. die Person, die ihn ausübt, auf chinesisch „Lao Ban“ heisst. Bei meiner Vorstellung habe ich dann jeweils nach meinem Namen hinzugefügt,dass das auf chinesisch Lao Ban heisse. Sofort ging ein sympathisches Getuschel los und ich war in der Folge eben Mister Lao Ban. Noch ein Tipp: Sag bei solchen Besuchen nie China, sondern benütze immer die offizielle Landes-Bezeichnung „Volksrepublik China“ oder auf englisch: The People's Republic of China.
In den 1980er Jahren muss westliches Essen für Chinesen noch eine Strafe gewesen sein, Das bemerkte ich oft, zum Glück gab es damals in Biel schon ein schönes chinesisches Restaurant mit einem kleinen Säli, wohin ich meine Gäste führen konnte. Das schätzten sie sehr. Wenn vor dem Essen der Wein ankam, wurde das Glas mehrfach erhoben, zunächst auf die Freundschaft zwischen der Volksrepublik China und der Schweiz, dann auf die Freundschaft zwischen den vertretenen Organisationen aus der Volksrepublik China und dem einladenden Unternehmen, dann auf Glück, Gesundheit und ein langes Leben aller Beteiligten.. Kam das Essen, üblicherweise in Form von vielen Platten mit verschiedenen chinesischen Speisen, so musste erst der Chef der Gastgeber (also ich) dem Chef der Gäste unter vielen Wünschen einen Happen auf dessen Teller legen. Dann hatte der Höchstrangige der Gäste dem Chef der Gastgeber etwas auf dessen Teller zu legen. Nun waren die Zweithöchsten dran für dasselbe Ritual und dann gab es theoretisch noch Dritthöchste. Da ich meist als Vertreter der Gastgeber allein war, war dieses Ritual rasch beendet und das Essen wurde nicht kalt. Als sich nach dem Essen der chinesische Koch zeigte, konnte er nicht mit „meinen“ Chinesen reden, ihre Sprache war zu verschieden. Nach dem Essen verteilte Mister Lao Ban noch die beliebten Schweizer Armeemesser und die Gäste revanchierten sich mit kleinen chinesischen Geschenken. Natürlich wurden beim Abschied die vielen guten Wünsche wiederholt.
Zu einer Ausbildung an einer neu gekauften Maschine trafen einmal vier Spezialisten ein, und sie hatten ihre Dolmetscherin mit dabei. Allerdings wurde sie dann gleich als Köchin eingesetzt und die Chinesen bereiteten in einem Aufenthaltsraum ihre Mahlzeiten selber zu. Weit herum roch es dann ungewohnt exotisch. Kam jemand von unserem Kader in die Nähe, wurde er gleich zu einem Tee eingeladen. Diese Gruppe blieb auch übers Wochenende und wir einigten uns, dass der leitende Ingenieur am Samstag mit ihnen Bern besuchen und ich am Sonntag nach Genf fahren würde. Gesagt getan. Wir besuchten natürlich das Palais des Nations, wo Ich eine Führung auf chinesisch reserviert hatte. Wer findet jetzt im ganzen Flaggenheer diejenige der Volksrepublik China zuerst? Ich war im Vorteil: ich wusste wo sie war. Der Höhepunkt war dann der Besuch eines chinesischen Restaurants, was die Stimmung stark verbesserte. Inmitten der Menschen haben wir dann die Rituale auf ein Minimum beschränkt.
Auf der Heimfahrt begannen einige Einheimische im Abteil vis-à-vis zu jassen. Flugs stellten sich meine Gäste nahe ran, um das Spiel zu beobachten. Was sollte ich sagen? Die Dolmetscherin hat die Situation bereinigt, indem sie meinte, in China würde viel und oft Karten gespielt und deswegen würden sie gerne zuschauen. Nur waren die Jasser Romands und verstanden die gute deutsche Uebersetzung nicht ganz. Mister Lao Ban hat dann übersetzt, ein Chinese packte noch seine eigenen Spielkarten aus und wir alle haben viel gelacht. Die Spielfreudigkeit der Chinesen ist sagenhaft, das Geldspiel ist aber in ihrem Land stark eingeschränkt.
Grösste Spielhölle ist wohl die ehemalige portugiesische Stadt Macao, gleich neben Hongkong. 1989 bin ich mit dem Schnellboot von dort nach Macau – wie es heute heisst - gefahren. Die Casinos waren schon gross, wirken aber gegenüber heute schon fast lächerlich. Ich habe mich dann in ein Casino hinein getraut, musste aber rasch feststellen, dass Zuschauer wenig erwünscht sind, insbesondere wenn es sich um Langnasen handelt, wie man die Europäer hier zu bezeichnen pflegt.
Natürlich haben meine Gäste bei den Empfängen fleissig fotografiert; ich mag mich aber nicht erinnern, dass ich je ein Foto gesehen hätte. So kann ich diesem Artikel nur Fotos von Macau beifügen, eigene von 1989 und aktuelle aus dem Internet.
Eigene Aufnahmen von 1989
Der Macau Tower ist 338 m hoch. (Foto: calvinstkm cc 3.0) Auf 223 m Höhe befindet sich die Aussichts-Plattform, und wer Lust hat, kann hier noch Bungee Jumping erleben.
(Foro: Abasaa, gemeinfrei) Wer lieber Venedig sehen will, braucht sich nicht extra dorthin zu bemühen. Ob dieses Gegenstück hier in Macau weniger unter Overtourismus leidet?
Die Werkzeugmaschinenfabrik, wo ich länger beschäftigt war, hatte schon früh gute Beziehungen zur Volksrepublik China. Das führte auch dazu, dass mit der Zeit immer mehr Delegationen aus diesem Land im Rahmen eines Schweiz-Besuches zu einer Werk- Besichtigung eintrafen. Unser Mittelsmann in Hongkong hat dies auch immer gefördert.
Mein Chef wollte diese Gruppen nicht immer selber betreuen und hat diese Aufgabe oft mir übertragen. Natürlich musste ich einige Sachen im Umgang mit diesen Besuchern lernen, waren und sind doch viele Sitten und Gebräuche in China ganz anders als hier. Zunächst einmal darf ich einem Besucher aus Fernost nie Fondue anbieten. Viele Menschen von dort haben keine Enzyme, um Käse zu verdauen, und das würde zu starkem Unwohlsein führen. Ein zusätzliches Handicap war – wie sich bald herausstellte – dass mein Familienname „Wirth“ von den Gästen oft nicht ausgesprochen werden konnte, weder in deutsch noch in der englischen Form. So wurde mir dann erklärt, dass der Beruf, der meinem Namen zugrunde liegt, bzw. die Person, die ihn ausübt, auf chinesisch „Lao Ban“ heisst. Bei meiner Vorstellung habe ich dann jeweils nach meinem Namen hinzugefügt,dass das auf chinesisch Lao Ban heisse. Sofort ging ein sympathisches Getuschel los und ich war in der Folge eben Mister Lao Ban. Noch ein Tipp: Sag bei solchen Besuchen nie China, sondern benütze immer die offizielle Landes-Bezeichnung „Volksrepublik China“ oder auf englisch: The People's Republic of China.
In den 1980er Jahren muss westliches Essen für Chinesen noch eine Strafe gewesen sein, Das bemerkte ich oft, zum Glück gab es damals in Biel schon ein schönes chinesisches Restaurant mit einem kleinen Säli, wohin ich meine Gäste führen konnte. Das schätzten sie sehr. Wenn vor dem Essen der Wein ankam, wurde das Glas mehrfach erhoben, zunächst auf die Freundschaft zwischen der Volksrepublik China und der Schweiz, dann auf die Freundschaft zwischen den vertretenen Organisationen aus der Volksrepublik China und dem einladenden Unternehmen, dann auf Glück, Gesundheit und ein langes Leben aller Beteiligten.. Kam das Essen, üblicherweise in Form von vielen Platten mit verschiedenen chinesischen Speisen, so musste erst der Chef der Gastgeber (also ich) dem Chef der Gäste unter vielen Wünschen einen Happen auf dessen Teller legen. Dann hatte der Höchstrangige der Gäste dem Chef der Gastgeber etwas auf dessen Teller zu legen. Nun waren die Zweithöchsten dran für dasselbe Ritual und dann gab es theoretisch noch Dritthöchste. Da ich meist als Vertreter der Gastgeber allein war, war dieses Ritual rasch beendet und das Essen wurde nicht kalt. Als sich nach dem Essen der chinesische Koch zeigte, konnte er nicht mit „meinen“ Chinesen reden, ihre Sprache war zu verschieden. Nach dem Essen verteilte Mister Lao Ban noch die beliebten Schweizer Armeemesser und die Gäste revanchierten sich mit kleinen chinesischen Geschenken. Natürlich wurden beim Abschied die vielen guten Wünsche wiederholt.
Zu einer Ausbildung an einer neu gekauften Maschine trafen einmal vier Spezialisten ein, und sie hatten ihre Dolmetscherin mit dabei. Allerdings wurde sie dann gleich als Köchin eingesetzt und die Chinesen bereiteten in einem Aufenthaltsraum ihre Mahlzeiten selber zu. Weit herum roch es dann ungewohnt exotisch. Kam jemand von unserem Kader in die Nähe, wurde er gleich zu einem Tee eingeladen. Diese Gruppe blieb auch übers Wochenende und wir einigten uns, dass der leitende Ingenieur am Samstag mit ihnen Bern besuchen und ich am Sonntag nach Genf fahren würde. Gesagt getan. Wir besuchten natürlich das Palais des Nations, wo Ich eine Führung auf chinesisch reserviert hatte. Wer findet jetzt im ganzen Flaggenheer diejenige der Volksrepublik China zuerst? Ich war im Vorteil: ich wusste wo sie war. Der Höhepunkt war dann der Besuch eines chinesischen Restaurants, was die Stimmung stark verbesserte. Inmitten der Menschen haben wir dann die Rituale auf ein Minimum beschränkt.
Auf der Heimfahrt begannen einige Einheimische im Abteil vis-à-vis zu jassen. Flugs stellten sich meine Gäste nahe ran, um das Spiel zu beobachten. Was sollte ich sagen? Die Dolmetscherin hat die Situation bereinigt, indem sie meinte, in China würde viel und oft Karten gespielt und deswegen würden sie gerne zuschauen. Nur waren die Jasser Romands und verstanden die gute deutsche Uebersetzung nicht ganz. Mister Lao Ban hat dann übersetzt, ein Chinese packte noch seine eigenen Spielkarten aus und wir alle haben viel gelacht. Die Spielfreudigkeit der Chinesen ist sagenhaft, das Geldspiel ist aber in ihrem Land stark eingeschränkt.
Grösste Spielhölle ist wohl die ehemalige portugiesische Stadt Macao, gleich neben Hongkong. 1989 bin ich mit dem Schnellboot von dort nach Macau – wie es heute heisst - gefahren. Die Casinos waren schon gross, wirken aber gegenüber heute schon fast lächerlich. Ich habe mich dann in ein Casino hinein getraut, musste aber rasch feststellen, dass Zuschauer wenig erwünscht sind, insbesondere wenn es sich um Langnasen handelt, wie man die Europäer hier zu bezeichnen pflegt.
Natürlich haben meine Gäste bei den Empfängen fleissig fotografiert; ich mag mich aber nicht erinnern, dass ich je ein Foto gesehen hätte. So kann ich diesem Artikel nur Fotos von Macau beifügen, eigene von 1989 und aktuelle aus dem Internet.

Eigene Aufnahmen von 1989

Der Macau Tower ist 338 m hoch. (Foto: calvinstkm cc 3.0) Auf 223 m Höhe befindet sich die Aussichts-Plattform, und wer Lust hat, kann hier noch Bungee Jumping erleben.

(Foro: Abasaa, gemeinfrei) Wer lieber Venedig sehen will, braucht sich nicht extra dorthin zu bemühen. Ob dieses Gegenstück hier in Macau weniger unter Overtourismus leidet?
Zitat von jipe am 7. August 2024, 10:39 UhrVielen Dank für diesen sehr interessanten Bericht!
Merci pour ce reportage très intéressant !Ich war dafür, in Bezug auf die Republik China zu arbeiten, und es war nicht immer einfach, da unsere beiden Kulturen nicht ähnlich waren, aber am Ende war immer alles möglich, wenn beide Seiten guten Willens waren!
J'ai été pour le travail en relation avec la République de Chine, et cela n'a pas toujours été facile, nos deux cultures ne se ressemblant pas, mais au final tout a toujours été possible avec de la bonne volonté de part et d'autre !
Vielen Dank für diesen sehr interessanten Bericht!
Merci pour ce reportage très intéressant !
Ich war dafür, in Bezug auf die Republik China zu arbeiten, und es war nicht immer einfach, da unsere beiden Kulturen nicht ähnlich waren, aber am Ende war immer alles möglich, wenn beide Seiten guten Willens waren!
J'ai été pour le travail en relation avec la République de Chine, et cela n'a pas toujours été facile, nos deux cultures ne se ressemblant pas, mais au final tout a toujours été possible avec de la bonne volonté de part et d'autre !