Nur ungelesene Themen anzeigen   

Du musst dich anmelden um Beiträge und Themen zu erstellen.

John Maynard

John Maynard war unser Steuermann,
aus hielt er, bis er das Ufer gewann....


Hafen von Buffalo, 1876, public domain

Die meisten kennen diese tolle Ballade von Theodor Fontane, die er 1886 veröffentlichte. Ein Paradebeispiel für Pflichterfüllung und Selbstaufopferung eines Schiffsführers. Doch ist das alles auch wahr?

Am 14. August 1841 fuhr ein luxuriöser Schaufelraddampfer von Buffalo weg nach Erie und Detroit. Das Schiff hiess auch 'Erie' und der Steuermann war Luther Fuller. Während der Fahrt brach ein Brand aus – vielleicht war Farbe oder Terpentin zu nahe am Kessel gelagert - der sich rasemd schnell ausbreiterte. Das Schiff nahm Kurs auf die 12 Meilen entfernte Küste, erreichte diese aber nicht mehr und sank. An Bord befanden sich 200 (nach anderer Quelle 340) Personen; gerettet wurden etwa 30 Menschen.

Viele der Opfer waren Auswanderer aus Deutschland und der Schweiz, die im Westen ihr Glück versuchen und eine Existenz aufbauen wollten. Sie reisten im Zwischendeck und hatten ihr Vermögen in Form von Gold- und Silbermünzen im Rucksack dabei. Als stumme Zeugen dieser Unglücklichen fand man Jahrzehnte später beim Heben eines Teils des Wracks viele tausend Dollar in Edelmetallen.


Dampfschiff auf dem Erie-See, public domain

Ueber den Untergang dieses Schiffes – eine der grössten Katastrophen in der US-Dampfschifffahrt – berichtete natürlich die Presse eingehend. Später wurde das Thema auch literarisch bearbeitet, und die dichterische Freiheit setzte sich immer mehr durch. In einer Sammlung frommer Geschichten von 1845 erschien „The Helmsman of Lake Erie“ Hier heisst das Dampfschiff 'Jersey' und der heldenhafte Steuermann bereits John Maynard. In weiteren Schriften und auf Vortragsreisen tauchte das Thema wieder auf.

Die Lehrerin Ada Linden verfasste zu diesem Schiffsunglück ein Gedicht in deutscher Sprache, wo das Schiff  'Schwalbe' heisst. Theodor Fontane muss das Werk gekannt haben, denn er übernahm einiges davon in seine Ballade. Diese erschien 1886 und war ein grosser Erfolg. Mit dem wiederholten Text „Noch ...Minuten bis Buffalo“ schuf er eine immense Spannung. Fontanes Ballade wurde bekannt und vielerorts jahrzehntelang als Stoff im Deutsch-Unterricht verwendet.

Fontane sprach schon 1853 vom 'literarischen Realismus' mit der Forderung, einen der Realität entnommenen Stoff, hier also die Katastrophe, zu poetisieren.

Nun also zum Werk: John Maynard (von Theodor Fontane)

John Maynard Wer ist John Maynard?
John Maynard war unser Steuermann,
aus hielt er, bis er das Ufer gewann,
er hat uns gerettet, er trägt die Kron'
er starb für uns, unsere Liebe sein Lohn
John Maynard

Die „Schwalbe“ fliegt über den Erie-See,
Gischt schäumt um den Bug wie Flocken von Schnee,
von Detroit fliegt sie nach Buffalo -
die Herzen aber sind frei und froh,
und die Passagiere mit Kindern und Frau'n
im Dämmerlicht schon das Ufer schau'n
und plaudernd an John Maynard heran
tritt alles:“Wie weit noch, Steuermann?“
Der schaut nach vorn uönd schau in die Rund'
„Noch dreissig Munten … Halbe Stund.“

Alle Herzen sind froh, alle Herzen sind frei
da klingt's aus dem Schiffsraum her wie ein Schrei
„Feuer“ war es, was da klang,
ein Qualm aus Kajüt und Luke drang,
ein Qualm, dann Flammen lichterloh,
und noch zwanzig Minuten bis Buffalo.

Und die Passagiere, bunt gemengt,
am Bugspriet stehn sie zusammengedrängt,
am Bugspriet vorn ist noch Luft und Licht,
am Steuer aber lagert sich's dicht,
und ein Jammern wird laut: „Wo sind wir? Wo?“
und noch fünfzehn Minuten bis Buffalo.

Der Zugwind wächst, doch die Qualmwolke steht,
der Kapitän nach dem Steuer späht,
er sieht nicht mehr seinen Steuermann,
aber durchs Sprachrohr fragt er an:
„Noch da, John Maynard?“
„Ja, Herr, in bin.“
„Auf den Strand! In die Brandung!“
„Ich halte drauf hin.“ Und das Schiffsvolk jubelt: „Halt aus! Hallo!“
und noch zehn Minuten bis Buffalo

„Noch da, John Maynard?“ Und Antwort schallt's
mit ersterbender Stimme: „Ja, Herr, ich halt's!“
Und in die Brandung, was Klippe, was Stein.
Jagt er die 'Schwalbe' mitten hinein,
Soll Rettung kommen, so kommt sie nur so
Rettung: der Strand von Buffalo!

Das Schiff geborsten. Das Feuer verschwelt,
Gerettet alle. Nur einer fehlt!
Alle Glocken geh'n, ihre Töne schwell'n
himmelan aus Kirchen und Kapell'n,
ein Klingen und Läuten,sonst schweigt die Stadt,
ein Dienst nur, den sie heute hat.
Zehntausend folgen oder mehr,
und kein Aug' im Zuge, das tränenleer.

Sie lassen den Sarg in Blumen hinab,
mit Blumen schliessen sie das Grab,
und mit goldner Schrift in den Marmorstein,
schreibt die Stadt ihren Dankspruch ein:
„Hier ruht John Maynard! In Qualm und Brand
hielt er das Steuer fest in der Hand
er hat uns gerettet, er trägt die Kron
er starb für uns, unsere Liebe sein Lohn.
John Maynard“

Besucher in Buffalo waren immer wieder enttäuscht, dass sie das von Fontane beschriebene Grab mit 'Dankspruch' der Stadt 'in goldener Schrift auf dem Marmorstein' nicht gefunden haben. Der tapfere John Maynard war dort nämlich ziemlich unbekannt. Erst 1997 wurde zu Ehren der Legende am See eine Bronzetafel aufgestellt. Darauf ist eine englische Uebersetzung von Fontanes Ballade eingestanzt.


Gedenktafel in Bronze, Foto Thorald Schade, CC

Ich war im Mai 1995 in der Gegend, bin aber in Buffalo vorbeigefahren. Die nahen Niagara-Fälle lockten mehr als der fiktive Steuermann.


Niagara-Fälle, Foto: aloisius

 

Der Erie-See ist der südlichste der fünf grossen Seen in Nordamerika. Er ist 388 km lang, bis zu 92 km breit und bedeckt 25'700 km² (z.Vgl. Genfersee 73 km, bis 14 km, 580 km²). Er bildet die Grenze zwischen Kanada im Norden und den US-Bundesstaaten New York, Pennsylvania und Ohio am südlichen Ufer.

Ada Linden Ihr Gedicht zu John Maynard findest Du bei Wikipedia oder via Google.

 

Quellen: Wikipedia und KI Gemini