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Der 100-jährige Wohlensee
Zitat von Erwin am 21. November 2023, 9:22 UhrDer Wohlensee wurde dieser Tage hundert Jahre altAbend am See bei Vorderdettigen
Das Mühleberg-Wasserkraftwerk am Unterwasser
Die neue Staumauerbrücke am Oberwasser, das untere Ende vom Wohlensee.
Seit nunmehr hundert Jahren liefert das Flusskraftwerk Mühleberg zuverlässig Elektrizität (aktuell 42 Megawatt) für unzählige Haushalte und die Eisenbahn. Als am 23. August 1920 der neue Staudamm das Wasser der Aare erstmals durch die 6 Francis-Turbinen leitete, war eine dreijährige Bauzeit abgeschlossen. Die 7. stärkere Kaplan-Turbine für den Bahnbetrieb kam erst 1965 dazu.
Walter Mittelholzer sah den neuen Stausee 1925 aus 1000m Höhe
Wenn wir heute am idyllischen Seeufer mit der weitgehend intakten Natur wandern, können wir uns kaum vorstellen wie dieses Werk entstand.
Ende des 19. Jahrhunderts hatte man die Verwendung der Elektrizität und deren Weiterleitung über grosse Strecken entdeckt und entwickelt. Als in der Zeit des 1. Weltkriegs die Rohstoffe wegen fehlenden Importen knapp wurden, besann man sich auf die Elektrizität als Ersatz für die Kohle, als Energieträger. Bereits 1896 bis 1899 entstanden die Kraftwerke Hagneck und das Kanderwerk Spiez. Aus deren Betreiberin, der der Brown-Boveri nahestehenden Motor AG wurde die BKW, die in der Folge auch die Konzession für die weiteren Aarekraftwerke erwarb. 1910 bis 1913 entstand mit dem Kraftwerk Kallnach der Niederriedsee und eine weitere Staustufe sollte noch oberhalb folgen. Eigentlich wollten sie mit einer Staumauer bei Radelfingen auch das Aaretal bis in die Felsenau und das Saanetal bis weit hinauf nach Gümmenen unter Wasser setzten, doch der Widerstand der Bevölkerung bewirkte ein Umdenken und so wurden mehrere kleinere Staustufen verwirklicht. Die Landenge zwischen der Aumatt von Mühleberg und gegenüber Fuchsenried schien wegen der Felsstruktur aus stabilem Sandstein geeignet für den Bau einer hohen Staumauer, damit war das Schicksal der oberhalb liegenden Talsenke der Aare besiegelt.Heute kaum vorstellbar dass es keine Volksbefragung dazu gab. An der Versammlung im Wirtshaus Tschannen in Wohlen vom 20. Mai 1917gab der damalige Direktor der BKW, der Oberstkorpskommandant und FDP-Nationalrat Eduard Will den Tarif durch. Keiner der betroffenen Bäuerlein muckte auf, kein öffentliches Mitwirkungsverfahren oder gar eine Volksabstimmung verzögerte den Fortgang. Doch hintenherum gab es manchen der aufbegehrte: «Es isch scho mängs angers usecho, als dies im Gring gha hei. Wei de luege, wie's geit, wenn de ds gross Wasser chunnt u 'd Tanni derhar fahre wie d' Sturmböck. Wär weiss, öb's ne de nid ds ganz Gstellaschi lüpft u gägen Aarbärg aheschleipft.» Die Landvermesser der BKW schlugen an der künftigen Uferlinie des geplanten Stausees Pflöcke ein und die Landbesitzer konnte sehen was fortan unter Wasser stehen würde. 20 Heimwesen waren verloren und 250 Hektaren Ackerland mussten im See versinken. Immerhin erhielten die Bauern pro Quadratmeter Ackerland einen Franken Entschädigung und konnten sich damit in den verbleibenden zwei Jahren eine neue Existenz aufbauen. Rudolf von Tavel beschreibt in seinem Buch «Von Grosser Arbeit», das 1921 herauskam, eindrücklich die damalige Situation.
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Eduard Will der BKW-Direktor und Gabriel Narutowicz der oberste Bauleiter
Die oberste Bauleitung war dem in Polen gebürtigen Wasserbauingenieur Gabriel Narutowicz übergeben. Er hatte begonnen in St. Petersburg Mathematik und Physik zu studieren und musste wegen einer Lungentuberkulose einen Kuraufenthalt in Davos einlegen. Darauf setzte er sein Studium an der ETH in Zürich fort und wurde als Diplom-Ingenier für das Bauwesen graduiert. In den folgenden Jahren leitete er im Kanton St.Gallen verschiedene Grossprojekte, unter anderem die Rheinverbauungen. Seine Professur für Wasserbau an der ETH hinderte ihn nicht das Projekt der BKW zu leiten. Nach der Fertigstellung desBauwerks wurde er zum Minister in seiner Heimat berufen und dann der erste Präsident der Zweiten Polnischen Republik. Fünf Tage nach seinem Amtsantritt wurde er bei einem politisch motivierten Attentat ermordet.
Die Bewilligungsverfahren waren rasch abgeschlossen denn wegen der Energieknappheit drängte die Zeit. Die Bauarbeiten begannen. Eine Zufahrtsstrasse von Mühleberg hinunter in die Aumatt wurde gebaut und Material und Maschinen wurden beschafft. Ein Umleitungsstollen wurde durch die Flueh an der Wickackerseite gesprengt, Spundwände wurden in den Boden gerammt, um die Aare umzuleiten und der Baugrund für das Maschinenhaus wurde ausgehoben. Wegen Militärdiensten in der Kriegszeit und der Spanischen Grippe waren die nötigen Fachkräfte und gelernten Arbeiter schwer zu finden, deshalb waren es Bauernsöhne aus der Umgebung und internierte Russen die für die schweren Arbeiten eingesetzt wurden. Auch aus dem Tessin und von der Uhren- und Schokoladenindustrie liessen sich Leute anstellen. Dank der Sprachkenntnis von Prof. Narutowicz war der Einsatz der Russen leichter möglich. Wie von Tavel schreibt, seien das «..strubi Burscht, denen man nicht auf einsamen Wegen begegnen möge. Es kam vor, dass sie ihren ganzen Wochenverdienst an einem Abend in Branntwein umsetzten und dann das Bord vor dem Wirtshaus hinab trölten und liegen blieben wie ein Klumpen zusammen gewischter Schnecken.» Aber «..es heigi auch schöni Burschen darunter und wenn sie singen, so dreht es einem my Tüüri das Herz z'ringum.» Vermutlich waren die Männer von Heimweh nach ihrer in der Revolution steckenden Heimat geplagt.
Für Materialtransporte wurden auch die Pferde und Fuhrwerke der Bauern eingesetzt und fehlten für die Feldarbeit. Bald aber übernahm eine elektrisch betriebene Lastwagenbahn deren Aufgabe. Vom Bahnhof Gümmenen bis hinunter zur Baustelle installierten sie eine Oberleitung von der die neuartige, geleiselose Bahn den Strom bezog. Ein erster Trolleybus sozusagen. Den Kies als Zuschlagstoff für den Beton gewann man vor Ort und mit Kipploren beförderte man den flüssigen Beton zur Mauer wo er dann über Trichter und Röhren in die Schalung gegossen wurde. Das Holz für die Gerüste und Schalungen wurde in den umliegenden Wäldern geschlagen und an Ort aufgerüstet. Unzählige Zimmerleute, Schmiede, Maschinisten und Hilfskräfte waren im Dauereinsatz. Für die 600 bis über 900 Beschäftigten waren eigene Kantinen mit Küche, Bäckerei und Metzgerei eingerichtet. Sogar eine eigene Hühner- und Schweinehaltung gab es, denn aus der Umgebung war nichts mehr zu holen. Wenn einer verunfallte oder krank wurde, konnte er im angeschlossenen Lazarett versorgt werden. Dabei stiegen die Stundenlöhne der Arbeiter von zu Beginn 72 Rappen auf zuletzt 1.71 Franken.
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Der Landesstreik der Bauarbeiter für die 48-Stundenwoche legte die Baustelle eine Zeitlang still, dazu hemmten die Ausfälle wegen der Spanischen Grippe den Fortschritt des Baus, doch das Bauwerk wuchs trotz aller Hindernisse in die Höhe und Breite. Zuletzt blieb nur eine schmale Lücke zwischen den beiden Mauern vom linken und rechten Ufer wo die Aare noch ungehemmt durchfloss. Am nahen Ufer im Oberwasser bauten sie einen unten offenen Senkkasten aus Beton der genau in die Lücke passen sollte. Dieser auch Caisson genannte Kasten sollte dann bei Niedrigwasser im Frühjahr eingefahren werden. Dazu mussten sie zuerst unterhalb der Lücke Spundwände einrammen um die Aare zu stauen, danach wurde der im Wasser stehende Caisson wie eine Taucherglocke mit Druckluft leergepumpt, und nun freischwimmend mit Seilzügen an seinen Platz befördert und abgesenkt. Millimetergenau musste es passen und es gelang. In dem mit Überdruck luftgefüllten Kasten mussten mutige Arbeiter unter grosser Gefahr den Grund anpassen, dass der Kasten abgesenkt und zuletzt mit Beton gefüllt werden konnte. Mit Taucheranzügen gelangten sie durch Druckkammern hinein und hinaus.
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Während die technischen Einbauten zur Nutzung der Wasserkraft mit Turbinen und Generatoren fortschritt, veränderte sich die Umgebung dramatisch. Das gestaute Wasser stieg und stieg, überschwemmte die Wiesen und Äcker, der See war geboren.
Noch hatte der neue See keinen Namen, man sprach vom Bernersee, vom Elektrosee und einigte sich schliesslich auf Wohlensee, weil die Gemeinde Wohlen das meiste Land hatte darangeben müssen. Die angrenzenden Dörfer hatten schon vor Baubeginn neue Strassen, Übergänge und Brücken gefordert. Auf die Dammkrone kam eine einspurige Fahrbahn und die Fuhrwerke von Frieswil und Salvisberg konnten mit wenig Steigungen nach Buttenried, Hegidorn oder Mühleberg fahren. Die von Wohlen und der Wohlei verlangten anstelle der wackeligen Eisenbrücke eine steinerne Bogenbrücke mit so hohen Bögen, «dass ein Kirchturm ständligse, ohne mit dem Güggel anzustossen untendurch fahren könne.» Die Wohleibrücke ist bis heute nur wenig befahren, doch niemand will sie missen. Anstelle der hölzernen Aumattbrücke musste die Kappelenbrücke von Hinterkappelen zur neuen Strasse nach Bethlehem gebaut werden. Mit der schon 1913 fertiggestellten Halenbrücke gab es nun vier höhere Brücken. Die alten Brücken und Fähren brauchte es nicht mehr, bis auf die weiter oben gelegene alte Neubrügg mussten alle weichen. Aus der anfänglich stinkenden Brühe, mit allerlei ungereinigtem Unrat, wurde mit dem Bau der Kläranlagen ein sauberer und unberührt wirkender See.
Die alte Aumattbrücke und die neue Kappelenbrücke
Die Wohleibrücke mit Wassersportlern
Die Inselbucht bei Hinterkappelen
Bei der Stegmatt
Jetzt ist der Wohlensee hundertjährig und liefert zuverlässig Energie über die hoch über mein Haus führende 132 Kv-Freileitung zum Umspannwerk bei der Neubrücke. Eigentlich dürfte nach neusten Verordnungen da überhaupt kein Wohnhaus sein, wegen irgendwelchen Strahlungen auf die sensible Menschen reagieren könnten, aber wir fühlen uns jetzt seit mehr als einem Vierteljahrhundert hier wohl. Mir tut der Strom nichts, im Gegenteil: Dank den Freileitungen wird kein Bauwerk die freie Sicht auf das naturbelassene Steilufer der Aare behindern. Das schattseitige Ufer ist seit einigen Jahren Naturschutzzone und keine Motorsäge kommt zum Einsatz und auch einen Uferweg sucht man vergebens. Das steile Gelände lässt einen Wegbau nicht zu. Seit in den achtziger Jahren mit einer Volksinitiative der freie Zugang zu Seen und Gewässer erzwungen werden sollte, streiten Interessenvertreter und Grundbesitzer mit jeweils stichhaltigen Argumenten. So auch am Wohlensee, genauer in der Inselbucht von Hinterkappelen. Die streitbare, mittlerweile über neunzigjährige Wortführerin des Vereins Heit Sorg zum Wohlesee und mit ihr der Schutzverband Wohlensee, wehrte sich bislang erfolgreich mit dem Argument des Natur- und Vogelschutzes gegen Wanderweg-Projekte vor ihrem Grundstück am Seeufer. Man warf ihr Egoismus vor, doch mittlerweile dürften viele umdenken, denn wer betrachtet was gegenwärtig an den freien Seeufern vorgeht, gönnt dem Rest der idyllischen Natur seine Ruhe.
Bilder: Alle aktuellen Fotos ew, historische Fotos via Wikicommons aus BKW-Archiv, Zeichnungen von R. Münger und Aquarelle von C.v. Courten, Scans aus R. v. Tavels Buch von 1921, alles gemeinfrei
Abend am See bei Vorderdettigen

Das Mühleberg-Wasserkraftwerk am Unterwasser

Die neue Staumauerbrücke am Oberwasser, das untere Ende vom Wohlensee.
Seit nunmehr hundert Jahren liefert das Flusskraftwerk Mühleberg zuverlässig Elektrizität (aktuell 42 Megawatt) für unzählige Haushalte und die Eisenbahn. Als am 23. August 1920 der neue Staudamm das Wasser der Aare erstmals durch die 6 Francis-Turbinen leitete, war eine dreijährige Bauzeit abgeschlossen. Die 7. stärkere Kaplan-Turbine für den Bahnbetrieb kam erst 1965 dazu.

Walter Mittelholzer sah den neuen Stausee 1925 aus 1000m Höhe
Wenn wir heute am idyllischen Seeufer mit der weitgehend intakten Natur wandern, können wir uns kaum vorstellen wie dieses Werk entstand.

Ende des 19. Jahrhunderts hatte man die Verwendung der Elektrizität und deren Weiterleitung über grosse Strecken entdeckt und entwickelt. Als in der Zeit des 1. Weltkriegs die Rohstoffe wegen fehlenden Importen knapp wurden, besann man sich auf die Elektrizität als Ersatz für die Kohle, als Energieträger. Bereits 1896 bis 1899 entstanden die Kraftwerke Hagneck und das Kanderwerk Spiez. Aus deren Betreiberin, der der Brown-Boveri nahestehenden Motor AG wurde die BKW, die in der Folge auch die Konzession für die weiteren Aarekraftwerke erwarb. 1910 bis 1913 entstand mit dem Kraftwerk Kallnach der Niederriedsee und eine weitere Staustufe sollte noch oberhalb folgen. Eigentlich wollten sie mit einer Staumauer bei Radelfingen auch das Aaretal bis in die Felsenau und das Saanetal bis weit hinauf nach Gümmenen unter Wasser setzten, doch der Widerstand der Bevölkerung bewirkte ein Umdenken und so wurden mehrere kleinere Staustufen verwirklicht. Die Landenge zwischen der Aumatt von Mühleberg und gegenüber Fuchsenried schien wegen der Felsstruktur aus stabilem Sandstein geeignet für den Bau einer hohen Staumauer, damit war das Schicksal der oberhalb liegenden Talsenke der Aare besiegelt.

Heute kaum vorstellbar dass es keine Volksbefragung dazu gab. An der Versammlung im Wirtshaus Tschannen in Wohlen vom 20. Mai 1917gab der damalige Direktor der BKW, der Oberstkorpskommandant und FDP-Nationalrat Eduard Will den Tarif durch. Keiner der betroffenen Bäuerlein muckte auf, kein öffentliches Mitwirkungsverfahren oder gar eine Volksabstimmung verzögerte den Fortgang. Doch hintenherum gab es manchen der aufbegehrte: «Es isch scho mängs angers usecho, als dies im Gring gha hei. Wei de luege, wie's geit, wenn de ds gross Wasser chunnt u 'd Tanni derhar fahre wie d' Sturmböck. Wär weiss, öb's ne de nid ds ganz Gstellaschi lüpft u gägen Aarbärg aheschleipft.» Die Landvermesser der BKW schlugen an der künftigen Uferlinie des geplanten Stausees Pflöcke ein und die Landbesitzer konnte sehen was fortan unter Wasser stehen würde. 20 Heimwesen waren verloren und 250 Hektaren Ackerland mussten im See versinken. Immerhin erhielten die Bauern pro Quadratmeter Ackerland einen Franken Entschädigung und konnten sich damit in den verbleibenden zwei Jahren eine neue Existenz aufbauen. Rudolf von Tavel beschreibt in seinem Buch «Von Grosser Arbeit», das 1921 herauskam, eindrücklich die damalige Situation.

Eduard Will der BKW-Direktor und Gabriel Narutowicz der oberste Bauleiter
Die oberste Bauleitung war dem in Polen gebürtigen Wasserbauingenieur Gabriel Narutowicz übergeben. Er hatte begonnen in St. Petersburg Mathematik und Physik zu studieren und musste wegen einer Lungentuberkulose einen Kuraufenthalt in Davos einlegen. Darauf setzte er sein Studium an der ETH in Zürich fort und wurde als Diplom-Ingenier für das Bauwesen graduiert. In den folgenden Jahren leitete er im Kanton St.Gallen verschiedene Grossprojekte, unter anderem die Rheinverbauungen. Seine Professur für Wasserbau an der ETH hinderte ihn nicht das Projekt der BKW zu leiten. Nach der Fertigstellung desBauwerks wurde er zum Minister in seiner Heimat berufen und dann der erste Präsident der Zweiten Polnischen Republik. Fünf Tage nach seinem Amtsantritt wurde er bei einem politisch motivierten Attentat ermordet.

Die Bewilligungsverfahren waren rasch abgeschlossen denn wegen der Energieknappheit drängte die Zeit. Die Bauarbeiten begannen. Eine Zufahrtsstrasse von Mühleberg hinunter in die Aumatt wurde gebaut und Material und Maschinen wurden beschafft. Ein Umleitungsstollen wurde durch die Flueh an der Wickackerseite gesprengt, Spundwände wurden in den Boden gerammt, um die Aare umzuleiten und der Baugrund für das Maschinenhaus wurde ausgehoben. Wegen Militärdiensten in der Kriegszeit und der Spanischen Grippe waren die nötigen Fachkräfte und gelernten Arbeiter schwer zu finden, deshalb waren es Bauernsöhne aus der Umgebung und internierte Russen die für die schweren Arbeiten eingesetzt wurden. Auch aus dem Tessin und von der Uhren- und Schokoladenindustrie liessen sich Leute anstellen. Dank der Sprachkenntnis von Prof. Narutowicz war der Einsatz der Russen leichter möglich. Wie von Tavel schreibt, seien das «..strubi Burscht, denen man nicht auf einsamen Wegen begegnen möge. Es kam vor, dass sie ihren ganzen Wochenverdienst an einem Abend in Branntwein umsetzten und dann das Bord vor dem Wirtshaus hinab trölten und liegen blieben wie ein Klumpen zusammen gewischter Schnecken.» Aber «..es heigi auch schöni Burschen darunter und wenn sie singen, so dreht es einem my Tüüri das Herz z'ringum.» Vermutlich waren die Männer von Heimweh nach ihrer in der Revolution steckenden Heimat geplagt.


Für Materialtransporte wurden auch die Pferde und Fuhrwerke der Bauern eingesetzt und fehlten für die Feldarbeit. Bald aber übernahm eine elektrisch betriebene Lastwagenbahn deren Aufgabe. Vom Bahnhof Gümmenen bis hinunter zur Baustelle installierten sie eine Oberleitung von der die neuartige, geleiselose Bahn den Strom bezog. Ein erster Trolleybus sozusagen. Den Kies als Zuschlagstoff für den Beton gewann man vor Ort und mit Kipploren beförderte man den flüssigen Beton zur Mauer wo er dann über Trichter und Röhren in die Schalung gegossen wurde. Das Holz für die Gerüste und Schalungen wurde in den umliegenden Wäldern geschlagen und an Ort aufgerüstet. Unzählige Zimmerleute, Schmiede, Maschinisten und Hilfskräfte waren im Dauereinsatz. Für die 600 bis über 900 Beschäftigten waren eigene Kantinen mit Küche, Bäckerei und Metzgerei eingerichtet. Sogar eine eigene Hühner- und Schweinehaltung gab es, denn aus der Umgebung war nichts mehr zu holen. Wenn einer verunfallte oder krank wurde, konnte er im angeschlossenen Lazarett versorgt werden. Dabei stiegen die Stundenlöhne der Arbeiter von zu Beginn 72 Rappen auf zuletzt 1.71 Franken.


Der Landesstreik der Bauarbeiter für die 48-Stundenwoche legte die Baustelle eine Zeitlang still, dazu hemmten die Ausfälle wegen der Spanischen Grippe den Fortschritt des Baus, doch das Bauwerk wuchs trotz aller Hindernisse in die Höhe und Breite. Zuletzt blieb nur eine schmale Lücke zwischen den beiden Mauern vom linken und rechten Ufer wo die Aare noch ungehemmt durchfloss. Am nahen Ufer im Oberwasser bauten sie einen unten offenen Senkkasten aus Beton der genau in die Lücke passen sollte. Dieser auch Caisson genannte Kasten sollte dann bei Niedrigwasser im Frühjahr eingefahren werden. Dazu mussten sie zuerst unterhalb der Lücke Spundwände einrammen um die Aare zu stauen, danach wurde der im Wasser stehende Caisson wie eine Taucherglocke mit Druckluft leergepumpt, und nun freischwimmend mit Seilzügen an seinen Platz befördert und abgesenkt. Millimetergenau musste es passen und es gelang. In dem mit Überdruck luftgefüllten Kasten mussten mutige Arbeiter unter grosser Gefahr den Grund anpassen, dass der Kasten abgesenkt und zuletzt mit Beton gefüllt werden konnte. Mit Taucheranzügen gelangten sie durch Druckkammern hinein und hinaus.


Während die technischen Einbauten zur Nutzung der Wasserkraft mit Turbinen und Generatoren fortschritt, veränderte sich die Umgebung dramatisch. Das gestaute Wasser stieg und stieg, überschwemmte die Wiesen und Äcker, der See war geboren.

Noch hatte der neue See keinen Namen, man sprach vom Bernersee, vom Elektrosee und einigte sich schliesslich auf Wohlensee, weil die Gemeinde Wohlen das meiste Land hatte darangeben müssen. Die angrenzenden Dörfer hatten schon vor Baubeginn neue Strassen, Übergänge und Brücken gefordert. Auf die Dammkrone kam eine einspurige Fahrbahn und die Fuhrwerke von Frieswil und Salvisberg konnten mit wenig Steigungen nach Buttenried, Hegidorn oder Mühleberg fahren. Die von Wohlen und der Wohlei verlangten anstelle der wackeligen Eisenbrücke eine steinerne Bogenbrücke mit so hohen Bögen, «dass ein Kirchturm ständligse, ohne mit dem Güggel anzustossen untendurch fahren könne.» Die Wohleibrücke ist bis heute nur wenig befahren, doch niemand will sie missen. Anstelle der hölzernen Aumattbrücke musste die Kappelenbrücke von Hinterkappelen zur neuen Strasse nach Bethlehem gebaut werden. Mit der schon 1913 fertiggestellten Halenbrücke gab es nun vier höhere Brücken. Die alten Brücken und Fähren brauchte es nicht mehr, bis auf die weiter oben gelegene alte Neubrügg mussten alle weichen. Aus der anfänglich stinkenden Brühe, mit allerlei ungereinigtem Unrat, wurde mit dem Bau der Kläranlagen ein sauberer und unberührt wirkender See.

Die alte Aumattbrücke und die neue Kappelenbrücke

Die Wohleibrücke mit Wassersportlern
Die Inselbucht bei Hinterkappelen
Bei der Stegmatt
Jetzt ist der Wohlensee hundertjährig und liefert zuverlässig Energie über die hoch über mein Haus führende 132 Kv-Freileitung zum Umspannwerk bei der Neubrücke. Eigentlich dürfte nach neusten Verordnungen da überhaupt kein Wohnhaus sein, wegen irgendwelchen Strahlungen auf die sensible Menschen reagieren könnten, aber wir fühlen uns jetzt seit mehr als einem Vierteljahrhundert hier wohl. Mir tut der Strom nichts, im Gegenteil: Dank den Freileitungen wird kein Bauwerk die freie Sicht auf das naturbelassene Steilufer der Aare behindern. Das schattseitige Ufer ist seit einigen Jahren Naturschutzzone und keine Motorsäge kommt zum Einsatz und auch einen Uferweg sucht man vergebens. Das steile Gelände lässt einen Wegbau nicht zu. Seit in den achtziger Jahren mit einer Volksinitiative der freie Zugang zu Seen und Gewässer erzwungen werden sollte, streiten Interessenvertreter und Grundbesitzer mit jeweils stichhaltigen Argumenten. So auch am Wohlensee, genauer in der Inselbucht von Hinterkappelen. Die streitbare, mittlerweile über neunzigjährige Wortführerin des Vereins Heit Sorg zum Wohlesee und mit ihr der Schutzverband Wohlensee, wehrte sich bislang erfolgreich mit dem Argument des Natur- und Vogelschutzes gegen Wanderweg-Projekte vor ihrem Grundstück am Seeufer. Man warf ihr Egoismus vor, doch mittlerweile dürften viele umdenken, denn wer betrachtet was gegenwärtig an den freien Seeufern vorgeht, gönnt dem Rest der idyllischen Natur seine Ruhe.
Bilder: Alle aktuellen Fotos ew, historische Fotos via Wikicommons aus BKW-Archiv, Zeichnungen von R. Münger und Aquarelle von C.v. Courten, Scans aus R. v. Tavels Buch von 1921, alles gemeinfrei
Zitat von Erwin am 9. Dezember 2023, 17:32 UhrDer Beitrag zum Wohlensee hatte wegen des Wechsels zur neuen Plattform alle Bilder verloren. Nun sind sie wieder eingefügt. 🙂
Der Beitrag zum Wohlensee hatte wegen des Wechsels zur neuen Plattform alle Bilder verloren. Nun sind sie wieder eingefügt. 🙂
