Per Du muss nicht perdu sein!
“Tschou – Tschüss – Hoi – Sali – Privet!” Welches Gefühl löst es aus, wenn ich dich heute – ausnahmsweise – mit du anrede? Kennen wir uns denn? Sind wir in einer Clique, einem Verein? Stecken wir in einer Uniform? Also mir selbst macht es heute keine Mühe, wenn mir jemand du sagt. Ich bewege mich jedoch in Kreisen, wo dies üblich ist, in einem Chor, unter Hobby-Kollegen, in einer Reisegruppe, in einem Verein. Sogar in unserem Wohn-Block bieten wir einander spätestens beim ersten Prost nach einer Eigentümerversammlung das vertrauliche Du an.
Vertrautheit ist wohl der Schlüsselbegriff des Du. Ich traue dir; du kannst mir trauen. Auch wenn damit eine zurückhaltende höfliche Distanz aufgebrochen wird, leidet der gegenseitige Respekt nicht darunter. Ausser, das Du kippt vor lauter Ärger und Wut in einen Ausbruch von Verachtung. Dann ist “du ….!!” eine Form von Nähe, die aber eher mit Kampfhähnen zu vergleichen ist.
Da lese ich heute in der Tageszeitung, dass die Du-Kultur mehr und mehr auch die Geschäftswelt erfasst. Im Büro sagt man einander du. Kunden werden mit Du angesprochen. Sogar StellenbewerberInnen werden sofort mit dieser Du-Kultur konfrontiert – und reagieren entsprechend befremdet, angebiedert oder dann aber erleichtert und entspannt. Vielleicht eben darum, weil dahinter Vertrautheit zu spüren ist. Ich traue aber der Sache nicht so recht. Willst du mich vereinnahmen, mir etwas verkaufen, etwas anhängen? So habe ich im beruflichen Leben früher mit grösserer Vorsicht und Zurückhaltung zum Du gefunden als heute.
In Internetforen ist es schon lange üblich, dass in der Du-Form kommuniziert wird. Eine Erklärung mag sein, dass es im Englischen eben nur die eine Form, You, gibt. Das tönt ganz ähnlich wie Du! Es haben sich aber mit den neuen Kommunikationsmitteln eben auch neue Möglichkeiten entwickelt; man nennt sie soziale Medien und Netzwerke, die genau die erwähnte Vertrautheit zumindest in einem vielleicht oberflächlichen Mass fördern. Die Foren und Plattformen bieten eine Art Nähe, Gemeinsamkeiten, bis hin zu sog. “Freundschaften”, Gruppen oder gar neuen Clubs.
Auf der Plattform von seniorbern.ch verwenden wir seit jeher die Du-Form. Sie ist aus den Begegnungen an den Treffen und Ausflügen aufgrund von erlebter Vertrautheit gewachsen. Bei neuen Teilnehmern wird jeweils immer das Einverständnis erfragt. Meines Wissens hat noch nie jemand das Du verweigert. Meist kennen wir uns sowieso nur mit dem Vornamen. SeniorInnen sind halt schon vom Alter her eine eigen-artige Menschengruppe. Unterschiedliche Herkunft, Bildung, berufliche Karriere, Einkommen und Vermögen spielen kaum mehr eine Rolle. Wir haben aber viele Gemeinsamkeiten, nicht nur die Uniform der graue Haare. Es sind gesundheitliche Probleme, Schwierigkeiten mit dem Computer und den neuen Kommunikationstechniken, Verlust von Angehörigen und FreundInnen, Fragen zum Leben und Sterben sind alltägliche Erfahrungen. Teilen wir sie – mit vertraulichem Du. Es wird nicht perdu sein!
Treff ich dich auf www.seniorbern.ch?
Teaserbild: WillY